Büttenrede: Ein Klassiker der Karnevalszeit

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Jedes Jahr zur Fastnachtszeit übertragen viele deutsche Fernsehsender die Sitzungen der bekanntesten Karnevalsvereine. Einen besonderen Höhepunkt stellen dabei lustige Büttenreden mit beißender Satire dar. Doch woher stammt dieser Brauch eigentlich?

Büttenrede: Ein wichtiger Bestandteil einer Karnevalssitzung

Der Sitzungskarneval hat seine eignen traditionellen Abläufe und Bräuche. Diese weisen bei den verschiedenen Karnevalsvereinen häufig einige Unterschiede auf. Allerdings haben sie auch zahlreiche Gemeinsamkeiten. Ein prägendes Element ist beispielsweise die Büttenrede. Diese satirische Rede, die häufig Politiker wie den Innenminister, die Kanzlerin oder die Vorsitzenden der großen Parteien aufs Korn nimmt, ist aus der Karnevalstradition nicht wegzudenken.

Alle großen Karnevalsvereine – in Köln, Mainz, Düsseldorf und in Aachen – haben sie zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Sitzungen gemacht. Mittlerweile kommt sie jedoch auch bei vielen anderen Veranstaltungen während der Fastnacht zum Einsatz – beispielsweise in Kirchengemeinden und Unternehmen. Daher ist es interessant, sich damit zu befassen, woher dieser Brauch eigentlich stammt. Insbesondere wenn Sie selbst einmal eine derartige Rede vortragen müssen, hilft das dabei, ihren Sinn zu verstehen.

Video: Guido Cantz bei Karneval in Köln 2018

Karneval: Ein Brauch mit ungewisser Zukunft

Wenn man sich ein Bild davon machen will, wie beliebt der Karneval in Deutschland ist, dann reicht es bereits aus, das Fernsehprogramm zu dieser Zeit im Verlauf der letzten Jahre zu betrachten. Früher kam es dabei zur Übertragung unzähliger Sitzungen. Mittlerweile haben jedoch immer mehr Sender diese Programme abgesetzt. Das zeigt bereits deutlich, dass ihre Beliebtheit stark nachgelassen hat.

Auch die folgende Umfrage bestätigt, dass nur noch ein geringer Anteil der Deutschen diesen Brauch weiterführen will.

Umfrage 2018: Werden Sie Karneval feiern?
Ja, sicher 7 %
Ja, vielleicht 14 %
Nein, unwahrscheinlich 20 %
Nein, sicher nicht 54 %
Weiß nicht 5 %

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/939533/umfrage/umfrage-in-deutschland-zur-absicht-zum-feiern-von-karneval/

Demnach gaben nur sieben Prozent der Befragten an, dass sie sicher an einer Karnevalsfeier teilnehmen werden. Selbst wenn man noch die 14 Prozent hinzuzieht, die angaben, wahrscheinlich eine Karnevalsveranstaltung zu besuchen, hat nur etwa jeder fünfte Deutsche Interesse daran. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung steht den Karnevalstraditionen ablehnend gegenüber und will auf keinen Fall daran teilnehmen. Das zeigt, dass diese Bräuche vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Ein Grund dafür besteht sicherlich darin, dass viele Büttenreden nur noch müde Lacher erzeugen. Insbesondere junge Leute sind damit kaum zu begeistern. Manche Karnevalsvereine haben darauf reagiert, indem sie hierbei immer mehr moderne Comedy einsetzen. Doch hat auch die Büttenrede nach wie vor ihre Berechtigung. Es ist jedoch wichtig, diese Tradition mit einem zeitgemäßen Inhalt zu füllen.

Video: Fastnacht, Fasching Ursprung Alemannische Fasnet, Narrenbaum, Karneval,

Die Ursprünge des Karnevals

Woher die Karnevalstraditionen stammen, ist nicht ganz eindeutig geklärt. Einige Bräuche waren bereits vor Tausenden Jahren verbreitet. Ein typisches Element des Karnevals besteht beispielsweise darin, dass alle Teilnehmer gleichgestellt sind – unabhängig von ihrem sozialen Rang und ihrer politischen Macht. Bereits zu babylonischen Zeiten gab es Feste, bei denen die Herren den Sklaven gleichgestellt waren. Auch im alten Ägypten und in Griechenland gab es ähnliche Veranstaltungen. Aus dem alten Rom ist überliefert, dass es auch hier ein Fest gab, bei dem Herren und Diener die gleichen Rechte hatten und gemeinsam speisten. Dabei durften die Sklaven ihre Meinung frei äußern.

Ein Brauch dieses Fests bestand darin, sich gegenseitig mit kleinen Rosen zu bewerfen. Viele Forscher gehen davon aus, dass dies der Ursprung des Konfettis ist. Eine andere Deutungslinie geht davon aus, dass die Bräuche eine keltische oder germanische Tradition darstellen. Hier sollen die Menschen sich als Kobolde und Naturgeister verkleidet haben, um mit Holzstöcken, Rasseln und Ratschen den Winter zu vertreiben.

Derartige Bräuche sind beispielsweise in Süddeutschland noch geläufig. Dennoch ist es auch hierbei nicht möglich, einen direkten Zusammenhang nachzuweisen. Vielmehr ist mittlerweile davon auszugehen, dass dieser Brauch im Hochmittelalter entstand. Er steht in engem Zusammenhang mit der Fastenzeit, die stets vierzig Tage vor Ostern beginnt. Daher stammt auch die alternative Bezeichnung Fastnacht. Während der Fastenzeit war es nicht nur verboten, Fleisch zu essen.

Auch alkoholische Getränke und andere fleischliche Gelüste waren untersagt. Um sich auf die bevorstehenden Entsagungen vorzubereiten, gingen viele Menschen dazu über, am Tag vor der Fastenzeit all diese Dinge nochmals intensiv zu genießen. Auf diese Weise entstanden rauschende Feste. Die Kirche tolerierte diese weitestgehend. Zwar gab es immer wieder Versuche, die Karnevalsfeste zu verbieten, doch hatten diese keinen Erfolg.

Büttenrede basiert auf mittelalterlicher Tradition

Die frühen Karnevalsfeste boten den Menschen der damaligen Zeit eine große Freiheit, die sie während des übrigen Jahres nicht genossen. Das bezieht sich nicht nur auf den Genuss alkoholischer Getränke und andere leibliche Freuden. Darüber hinaus war es sogar toleriert, die Kirche und die weltlichen Machthaber zu kritisieren. Es entstand das sogenannte Rügerecht, das die freie Meinungsäußerung ohne Strafe ermöglichte. Das bedeutet, dass es zur Karnevalszeit bereits vor vielen Jahrhunderten üblich war, Kritik an den Machthabern zu üben.

Video: Jet zo laache – Das Allerbeste aus der Bütt 1960 – 2015

Moderne Büttenreden seit Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitet

Bei den mittelalterlichen Reden handelte es sich jedoch noch nicht um Büttenreden im heutigen Sinn. Sie stellten in der Regel eine frei vorgetragene Kritik ohne humoristischen Hintergrund dar. Zu einer Reimrede, die Gesellschaftskritik und humoristische Unterhaltung miteinander verbindet, kam es erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals hatten die Franzosen weite Teile Deutschlands besetzt. Es herrschten Unterdrückung und eine scharfe Zensur vor.

Als die Franzosen schließlich abgezogen waren, nutzten die Bürger des Rheinlandes die Freiheiten der Karnevalszeit, um die vorherigen Besatzer zu verspotten. Dabei nahmen die Redenschreiber häufig typische Verhaltensweisen aufs Korn, sodass die Reden häufig für viel Belustigung sorgten. Es erschienen zahlreiche Texte, die meistens als Reimrede und im typischen Dialekt dieser Region verfasst waren. Diese wiesen bereits erhebliche Ähnlichkeiten zur heute verbreiteten Büttenrede auf.

Sitzungskarneval und Büttenrede: Zwei eng miteinander verbundene Bräuche

Nur wenige Jahre später kam es dann zu den ersten richtigen Büttenreden. 1823 entstand in Köln das „Festordnende Komitee“. Dieses sollte durch die Organisation eines allgemeinen Umzugs den Karnevalsbräuchen in der Stadt neues Leben einhauchen. Für die Organisation wurden im Vorfeld zahlreiche Sitzungen durchgeführt. Dabei kam es zu vielen Beiträgen mit ernsthaften Inhalten, die sich mit der Durchführung des Umzugs befassten.

Darüber hinaus steuerten jedoch auch einige Redner humoristische Beiträge bei. Diese dienten der Unterhaltung der Teilnehmer. Auf diese Weise entstand der bis heute bekannte Sitzungskarneval. Dabei nahmen einige Redner den seit einigen Jahren verbreiteten Brauch auf, die Obrigkeit mit humoristischen Reimreden zu kritisieren. Auf diese Weise entwickelte sich die Büttenrede zu einem zentralen Bestandteil der Karnevalssitzungen.

Jedes Jahr zur Fastnachtszeit übertragen viele deutsche Fernsehsender die Sitzungen der bekanntesten Karnevalsvereine.

Jedes Jahr zur Fastnachtszeit übertragen viele deutsche Fernsehsender die Sitzungen der bekanntesten Karnevalsvereine.(#01)

Die Bütt: Worauf geht der Name der Büttenrede zurück?

Nun bleibt noch der Ursprung des Namens der Büttenrede zu klären. Die Bezeichnung geht auf das spezielle Rednerpult zurück, das hierbei zum Einsatz kommt. Dieses wird als Bütt oder Bütte bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen historischen Ausdruck für einen Zuber oder für ein Fass. Weshalb gerade dieser Gegenstand als Rednerpult zum Einsatz kommt, ist jedoch umstritten.

Viele Karnevalisten sagen, dass es sich dabei um ein leeres Weinfass handle, das von einem intensiven Gelage zeugt. Außerdem wird häufig ein Zusammenhang zum griechischen Philosophen Diogenes angenommen. Der bekannte Spötter und Kritiker der herrschenden Verhältnisse hauste in einem leeren Fass. Eine andere Legende besagt, dass es sich dabei um einen Waschzuber handle, in dem der Büttenredner die schmutzige Wäsche der Politiker wäscht. Welche dieser Annahmen letztendlich zutrifft, ist heute jedoch nicht mehr eindeutig zu klären.

Bütternrede: Gesellschaftskritik oder Comedy?

Die klassische Büttenrede, die sich durch eine satirische Haltung auszeichnet, wird immer seltener. Bereits seit jeher befassen sich die Redenschreiber dabei nicht immer damit, Kirchenvertreter, den Innenminister oder andere Politiker zu verballhornen. Auch einfache Witze sind dabei bereist seit Langem verbreitet. Allerdings geht der Trend dazu, immer mehr Comedybeiträge für die Karnevalssitzungen zu verwenden.

Insbesondere bei Fernsehübertragungen kommen nur sehr gemäßigte Redebeiträge zum Einsatz, die sich schön in den übrigen Rahmen einfügen. Es gibt jedoch auch eine Gegenbewegung zu dieser Tendenz. Seit 1983 wird beispielsweise die Stunksitzung durchgeführt, die mit scharfer Satire und häufig mit sehr derbem Humor auf sich aufmerksam macht.

Woher die Karnevalstraditionen stammen, ist nicht ganz eindeutig geklärt.

Woher die Karnevalstraditionen stammen, ist nicht ganz eindeutig geklärt.(#02)Alexander Raths

Der Aufbau der Büttenrede

Wenn der Büttenredner die Bühne betritt, dann spielt die Saalkapelle stets einen Büttenmarsch. Wenn er das Rednerpult erreicht hat, beginnt er mit seiner Rede. Diese ist in Reimen geschrieben und in der Regel in der typischen Mundart der entsprechenden Region gehalten. Dabei kommen meistens Paarreime und ein sehr regelmäßiges Versmaß zum Einsatz. Das sorgt dafür, dass die Rede schön klingt und leicht zu verstehen ist. Sie ist mit zahlreichen lustigen Stellen versetzt.

Bei jeder dieser Pointen spielt die Saalkapelle einen Tusch. Ein beliebtes Stilmittel für die Büttenrede besteht darin, Strophen zu verwenden. Diese haben unterschiedliche Inhalte, sie enden jedoch jedes Mal mit den gleichen Zeilen. Das sorgt für eine besondere Pointe, die selbstverständlich jedes Mal durch einen Tusch unterstützt wird.

Weitere Quellen: https://www.humboldt.de/sites/default/files/2018-11/9783869100098%20Sven%20Hansel%20B%C3%BCttenreden.pdf


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: Alexander Raths-#01:_Juergen Faelchle -#02: _Juergen Faelchle

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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